Zum ersten Mai in Bonn

Dieser Bericht erhebt keinen Anspruch auf objektive Wahrheit.

Ein ereignisreiches Wochenende neigt sich dem Ende zu und ein weiteres Mal hat das beschauliche Bonn es sich nicht nehmen lassen, mit Aufregung und Krawall zu glänzen. Wie im letzten Jahr hat der erste Mai alte Konflikte und Probleme aufgedeckt, thematisiert und verschlimmert. Wie im letzten Jahr schreiben wir einen Text hierzu, der aller Voraussicht nach Ungunst von allen Seiten hervorbringen wird. Nichtsdestotrotz haben wir uns zur Veröffentlichung entschlossen.

Einige Menschen unserer Gruppe haben versucht diesen Tag als wohlverdiente Entspannung nach einem anstrengenden Samstag in der Stuttgarter GeSa, Messehalle Nr. 9, ruhig und gelöst in der Sonne zu genießen. Andere Akteur*innen, für die das Wochenende mit verschiedenen Naziaufmärschen, Tänzen in den Mai und Arbeiter*innen-Demonstrationen wohl noch nicht genug Programm bot, haben die freie Zeit am Nachmittag für Pöbelei und Zank genutzt. Die Bonner Altstadt bietet auf beiden Festen, dem libertären wie dem internationalistischen, (eigentlich) viele Möglichkeiten mit Musik, Essen und Menschen den Tag zu genießen.

Der Auftritt eines Musikers jedoch, der aufgrund seiner unemanzipatorischen, politischen Verortung durchaus zu kritisieren ist, veranlasste eine Gruppe dazu, unnötigerweise mit Böllern ausgestattet, das internationalistische Fest an der Marienschule zu stören. Die ebenfalls mitgeführten Israelfahnen provozierten einige Teilnehmer*innen des Marienschulfests. Auch wurden Flyer mit Kritik an der AKAB und der BJB verteilt. Die Aktion endete in lautstarker Auseinandersetzung mit kleineren Rangeleien.

Auf Details mag an anderer Stelle eingegangen werden, hier soll nur gesagt werden, dass die Kritik am Auftritt MC Intifadas einerseits und autoritär-kommunistischen Gruppen andererseits undifferenziert und missverständlich ist. Ebenso stimmen uns die Gewaltausbrüche auf der anderen Seite traurig und wütend. Wenn die Schubsereien, die von Organisator*innen des Festes ausgingen, nicht nur die pöbelnde Gruppe, die vermutlich genau dies provozieren wollte, sondern auch andere Personen trafen, die schlichten und vermitteln wollten, stellt sich die Frage, wer bei dem Fest die Entscheidungen fällt.

Des Weiteren sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es unbedarft, arrogant und gefährlich ist auf einem Fest, das seit Jahren ein Magnet für Kinder ist und auf dem sich auch (möglicherweise traumatisierte) Geflüchtete aufhalten, Böller mitzubringen, auch wenn nicht bestätigt werden kann, dass diese direkt auf dem Fest gezündet worden sind.

Das Verhalten auf beiden Seiten steht exemplarisch für eine zunehmende Verrohung und Polemisierung des politischen, linken Diskurses. Der Polemik per se mag ein erneuernder und pragmatischer Gedanke innewohnen, sie muss jedoch mit einer konstruktiven Herangehensweise verknüpft sein. Das Mackergehabe am 1. Mai indes spricht nur in eine Richtung Bände: Anstelle eines rationalen, aufklärerischen Subjekts tritt hier ein revier-markierender Platzhirsch auf den Plan, der von Einflüssen und Meinungen geformt und geleitet ist, denen er sich unreflektiert ergibt. Der dort zur Schau gestellte Habitus dient ausschließlich der Selbstdarstellung, der Provokation, dem Chauvinismus. Er ist mit aller Nachdrücklichkeit abzulehnen.

Besonders betroffen sind wir nun durch die Vorwürfe und Anschuldigen, die Mitglieder unserer Gruppe gegenüber geäußert werden. Wir wollen uns für nichts rechtfertigen oder auf Nachfrage distanzieren, wir halten beide Verhaltensweisen der Beteiligten für töricht und regressiv. Wenn wir jedoch sagen, dass wir an keiner der Aktionen teilgenommen haben, dann wünschen wir uns von Menschen, die unsere Freund*innen sind oder zu sein scheinen und denen wir vertrauen, dass unserer Aussage geglaubt wird. Es braucht hierfür keine Zeugenaussage nach römischem Recht, keine Distanzierung oder weitere Maßnahme. Jede und jeder, die auf diesen sich an den Aktionen beteiligt hat, wird dies auch so äußern.

Die Ideologie der absoluten Spaltung und des Dogmatismus in den Köpfen, selbst wenn Gruppennamen anders lauten, sind als anti-emanzipatorisch einzustufen und dienen nur der Befriedigung eines linken Narzissmus.
Es sollte ebenso wenig das Ziel sein, nur EINE Meinung, Gruppierung oder Partei zu formen, weswegen Spaltung und Differenzierung nicht immer schlecht sein müssen; insbesondere dann wenn kritische Interventionen notwendig werden. Wo diese Abgrenzung jedoch nur zur Selbststilisierung, ohne Austausch und schlimmstenfalls aufgrund persönlicher Befindlichkeiten geschieht, können andere von den eigenen Gedanken und Ideen nicht profitieren und lernen.
Wieso ist es scheinbar nicht möglich, kritisch reflektiert zu handeln und weiterzudenken. Der Stillstand und die Kehrtwende hin zur Vergangenheit sind im Allgemeinen Charakteristika der Regression und des Konservatismus.

Wir also, müssen anders sein, als diejenigen, die uns Tag für Tag ihre eine, unveränderliche Wahrheit preisen: „Es gibt keine Alternative zum Kapitalismus, es gibt keinen staatlichen Rassismus, keinen strukturellen Sexismus, es gibt keine Freiheit ohne Sicherheit.“
Wenn wir die Möglichkeit eines Wandels grundsätzlich ausschließen und zu Selbstreflektion nicht fähig sind, dann mögen unsere Ziele und Motive noch so schön sein, so aber wird uns keine Überwindung des Systems und seiner Denkmuster gelingen.

Wer an diesem Text Anstoß nimmt oder sich missverstanden fühlt, ist gerne eingeladen, mit uns ins Gespräch zu kommen.